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Eine Nacht in Cottbus

spreewittchen-Cottbus-Bahnhof

Ich stehe am Bahnhof Zoo, Franzbrötchen in der einen Hand und Kaffee in der anderen, den Rucksack auf dem Rücken. Es fühlt sich an, als würde ich verreisen. Weit weg. Eine Stunde vierzig. So wie von mir (Wedding) zu meinen Eltern in den Süden Berlins. Oder eben jetzt nach Brandenburg. Ich mache keine Naziwitze oder lasse unsubtil Liederzeilen von Grebe einfließen. Denn dafür ist die Überheblichkeit der Berliner zu ausgelutscht und überholt und die Nachbarn aus der Uckermark bis Lausitz sind (mir) zu nah.

Der ODEG Regio der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH ist quasi der M100 Brandenburgs. Von Urbrandenburgerin, die nicht verstehen kann, wie “Müllers, Gerda” die Geranien nicht pflegen kann, über die Jugendliebe aus der Prignitz, die New Yorker Klamotten trägt bis hin zu den Lafayette-Tüten-tragenden Polinnen, die Friedrichstraße hinzu steigen. ODEG hat sie alle. In der Ausführung Extrem-Berlinern.

Bis Ostbahnhof füllen sich die Reihen, vor allem mit Primarktüten. Diese Tüten. Kein Konsum in Brandenburg. Es fühlt sich ein bisschen merkwürdig an, Königs Wusterhausen zu hören, wenn man Erkner gewohnt ist. Noch so ein Viadrina-Trauma. Frankfurt hat den Zugang zu de Nachbaan zwar nich leechter oder schöner jemacht, aber durchaus neutralisiert. Vermutlich das einzig Gute am Studieren dort. Ich schweife ab und bin schon in Brand. Ah! Das kenn ich. Auch schon vor der extrem enthusiastischen Busshuttle-Durchsage schlägt das Wort die Welle. HA. Und auch spätestens seit Casey Neistat kennt diese Verbindung die Welt: hier ist das Tropical Island.

Alles wirkt wie ein Filmsetting. Die Weide, dieses futuristische Ding, Minions und Pinky und der Brain könnten hier…also Weltherrschaft, irgendwas mit Weltherrschaft. Ich verstehe, was du meinst. Aber warum brauchen wir hier einen Heißluftballon? Drinnen ist es wie in Minute 0:38. Alles für den Neffen.

Raddusch, Vetschau, Kunersdorf, Kolkwitz, Cottbus. Ich steige aus und laufe vorbei an den Leuten, die auf den Zug zurück Richtung Wismar warten. Das ist immer merkwürdig an Bahnhöfen, du kommst an, sie fahren weg. So unterschiedliche Gefühle zu einem Ort. Vielleicht bin ich das auch nur.

Ich warte am Sternenbäcker. Sie ist da. Der wunderbare Mensch mit dem unglaublichen Vokabular –  sie ist wie ein kleines mobiles Fremdwörterbuch. In blond und schön. Kaum raus aus der Tür erzählt sie mir Geschichten. So ist das immer mit ihr und ich liebe das. Sie ist der perfekte Guide für alles. Nichts was sie erzählt, wirkt wie vorgelesen aus einem schlechten Stadtführer oder wie ein Lehrervortrag. Eher ein Hörspiel. Ich könnte ihr stundenlang lauschen. Ihr auch.

Der Bahnhof, die Brücke, die Bauten. Oh, und Annemarie Jatzlauk. Eine Institution der vermutlich weltweiten Drogerieszene, definitiv aber in Cottbus. Sogar Thomas Kläber, auch so ein Name der Cottbusser (Kultur)Szene, hat Frau Jatzlauk begleitet, mit der Kamera, von 2006 bis 2013. Das weiß sie,  erzählt sie mir. Denn Ausstellungen sind ihre Arbeit, das Dieselkraftwerk Cottbus ist  ihr Arbeitsplatz. Und Kunstgeschichte ihr Ressort. Wir reden, biegen ab und bleiben hängen. Das Schillercafé. Direkt neben dem Staatstheater am Schillerplatz.

spreewittchen-Cottbus-StaatstheaterDas Schillercafé – ein kleines beliebtes Café, mit roten Sitzecken und verspiegelten Wänden. Alte Aufnahmen von Cottbus stehen auf den dunklen Holzfensterbrettern. Draußen scheint die Sonne, drinnen riecht es nach Kaffee und Gebackenem. Am Wochenende bekommt man nie einen Platz ohne Reservierung, weil alle hier frühstücken gehen. Soviel gibt es auch nicht in Cottbus.

Wir überholen uns mit Themen, Job bei ihr, Job bei mir, Ängste unserer Generation und unserer Professionen, Reisen, letztes Jahr, dieses Jahr, das Loch danach, wir reden über die Zeit in Amsterdam. Als wir uns kennen lernten, in diesem halben Jahr Erasmus. Wir versacken. Draußen ist es dunkel. Wir machen los und schleichen uns vorbei am Theater, über Parkplätze, zur Innenstadt. Dort ein Einkaufszentrum, daneben soll ein neues entstehen. Früher gab es auf der freien Fläche ein Pavillon und das “Sternchen” – eine Eisbar. Das verrückte Gebäude war das Zentrum der Stadt, zu DDR-Zeiten. Nach der Wende war es leer. Bald erinnert nicht mal mehr die Brachfläche daran. “Hier könnten sie städtebaulich tatsächlich mal etwas anders machen”, sagt sie mir kopfsenkend. Von der Mitte geht es zu kleinen Straßen. An der Ecke hängt ein “Kleinstadt Syndikat Cottbus” Plakat. Da geht jeder hin. Der Besitzer hat hier mehrere Schuppen. Scandale, Seitensprung, Prima Wetter, Wilde Barbara. Die Namensgebung läuft.

Wir sind angekommen. An der Eingangstür leuchtet irgendein Versicherungsschild, das Treppenhaus riecht nach Treppenhaus. Die Stufen knarren, wir kommen oben an, die Hunde bellen und rennen uns ganz aufgeregt entgegen. Rocky und Rocky. Sie lebt in einer Fünfer-WG. Typisch. Langer Flur, große Zimmer, günstige Miete. Eine Freundin der Mitbewohnerin ist zu Besuch. Wir machen Köfte selbst, Fleisch gibt es von Kadach. Der Fleischpimp der Niederlausitz. Wein gesellt sich dazu, Gespräche über Theaterstücke, Soziale Arbeit und Matthias Heine folgen. Drei Dinge, die Cottbus ausmachen und formen. Es wird spät, was soll’s, ist ja wie Urlaub hier. Im Scandale spielen sie alte Hits. Sonnenallee-Theme. Wir können zum Club laufen. Wie großartig, denke ich leicht beschwippst. Nach dem Eingang ist vor dem Club: ein Imbisswagen. Mit Wurstduft in der Nase stehen wir an der Bar an. Sie trifft jemanden. Aber so ist das hier. Man kennt sich. Irgendwie schön.

Der Club wirkt wie ein Keller, ein Keller voller normaler Leute, alternativ angehaucht, kulturell gebildet und teilweise noch am Studieren. Alle tanzen und rauchen. Whitney, Beastie Boys, Michael. Es läuft das Beste von damals, mit manchmal…schwierigen Übergängen, aber das ist egal. Es ist besser, denn es ist schön. Mir tun die Füße weh. Das ist der beste Schmerz. Und ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich ihn das letzte mal in Berlin spürte. Es ist 5 Uhr. Ein Absacker noch.

Wir treten durch eine unscheinbare mit Stickern zu geklebte Metalltür. Drinnen tanzen acht sehr glückliche Punks, sie heben Stühle in die Luft als wären es Pokale. Sie, ich und zwei Wilde Barbaras. Das trinkt man hier. Im Seitensprung. Die besten Anmachsprüche sind sogar inklusive: “Ihr seht janz sympathisch aus, deswejen dachten wa uns, wir sprechen euch ma an. Aba eegentlich wollte ick sajen: ick bin Medizintechnischer Assistent und schraube jern an heeßen Jeräten rum.” Danke.

Danke an dich, mein kluges, blondes Herz. Danke, dass du mir die Dinge so zeigst, wie sie sind. Denn so wie sie sind, sind sie schön.

Meet Rocky!

Ein von spreewittchen (@spreewittchen) gepostetes Foto am

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