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Was einmal sein wird …

Was einmal sein wird - Spreewittchen

Der Betreff der Mail war so nüchtern wie der Inhalt: “Klärung notwendiger Unterlagen”. Liebe Grüße, Mama und Papa. Meine Eltern starten vernünftig ins Jahr und wir, meine Geschwister und ich, müssen mit einsteigen. Das ist wichtig. Denn wir sollen wissen, wo was liegt. Die Hausunterlagen, die Finanzunterlagen, die Versicherungsunterlagen, die Rentenunterlagen … Meine kleine Mutti schleppt ein Ordner nach dem anderen aus dem Kabuff, das sie liebevoll Büro nennt, stemmt sie auf den Esstisch mit den einleitenden Worten: “So, hier ist jetzt …”. Sie wirkt ein bisschen aufgeregt. Während ich sie mir so anschaue, ihren ernsthaften Gesichtsausdruck, ihre Hände, die unkontrolliert vor und zurück blättern, frage ich mich, warum ich es nicht bin, nervös, aufgeregt?

Schließlich ist es ist schon merkwürdig mit deinen sehr lebendigen Eltern darüber zu sprechen, was passiert, wenn sie nicht mehr da sind. Hier, jetzt, in ihrem Haus, bei einer Tasse Kaffee. Das Mauzen des Katers wechselt sich mit dem Schwarzen Humor meines Vaters ab. Lachen ist doch gut. Vor allem bei dem Thema. Ein bisschen. Wenn es passt. Wenn es jeder versteht. Nach der zweiten Tasse Kaffee sind wir bei dem Haus angekommen. Mein Bruder fragt nach, wie es damals war. Er erzählt die Geschichte immer falsch. Mit Fleischers, die die dort vorher wohnten, und dann in unsere Wohnung zogen. Wohnungstausch DDR-Style. Hier, das Wertschätzungsprotokoll. Ein Walnussbaum 250 Mark, der 400 Quadratmeter Rasen 600 Mark und sogar die Erdbeersträucher wurden mit 20 Mark einberechnet. Das ist es wieder: absurd. Und witzig. Das beschreibt den ganzen Nachmittag. Wir bewegen uns zwischen Absurdität und Witz. Ergänzt durch Familienanekdoten und “Jetzt-sagt-uns-doch-mal-wieso-war-das-eigentlich-damals-so-mit-deinem-Vater”-Gebohre unsererseits. Wir naschen, sippen am Kaffee und lachen bis wir mit allen roten Ordnern durch sind. Und ich denke einfach nur chronologisch, aber ziemlich emotional entfernt nach und plauze mit den Fragen raus: “Und wie wollt ihr begraben werden? Und wo?”

Meine Geschwister und ich gucken erwartungsvoll auf unsere Mutter. Ihr Kopf senkt sich, sie schiebt ihre rechte Hand vor ihr Gesicht, vor ihre Augen. Leider kennen wir diese Pose von ihr zu gut. Es wird still. Selbst der Kater hört auf zu mauzen. Man hört nichts. Außer ein kleines … ich weiß nicht einmal wie ich es beschreiben soll. Obwohl ich es sooft gehört habe, seit dem meine Oma letztes Jahr gestorben ist. Echter Schmerz in einem Laut. Keiner von uns steht auf. Wir wissen, dass sie das nicht mag. Als wäre es eine Choreografie, schwenken wir unsere Köpfe fast zeitgleich zu unserem Vater. Vielleicht auf der Suche nach Schwarzem Humor. Aber der kommt nicht. Stattdessen füllen sich seine Augen mit Tränen. Ich habe meinen Vater bis jetzt nur dreimal Weinen sehen. Bei den drei Beerdigungen unserer Großeltern. Aber noch nie in diesem Haus. Für einen kleinen Moment verlieren wir alle die Fassung, aber im guten Sinn. Wenn das überhaupt Sinn hat? Meine Schwester streichelt, nicht zu weich und nicht zu unpersönlich, den Arm unseres weinenden Vaters, genau im richtigen Moment, mit der richtigen Herzensdistanz. Und es ist gut.

Denn wir hören nicht auf darüber zu reden, was einmal sein wird.

Post from: 26.01.2014
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