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Leichtsein

Spreewittchen Leichtsein

Neue Dinge tun. Alte verwerfen. Einfach aufstehen, rausgehen und wiederkehren. Nimm einen Schritt nach dem anderen. Wie früher, auf dem Baumstamm über den kleinen Bach. Streck die Arme aus, balanciere. Ein Schritt nach dem anderen. Ihr fühlt euch wie Seiltänzerinnen im Zirkus. Das Duett. Die Bäume sind euer Publikum, das Rascheln der Blätter euer Applaus. Die Sonnenstrahlen brechen durch die Äste, als wüssten sie wo sie hinsollten, eure Spotlights. Ohne Netz, ohne doppelten Boden. Vielleicht war es Mut, vielleicht Leichtsinn. Auf jeden Fall Leichtsein. Nackte Füße tänzeln unbeschwert auf schwerem Holz.

Das war damals. Heute bin ich der Holzfäller, laufe querbeet, nehme die Sonnenstrahlen nur wahr, wenn sie mich blenden. Man hört kein Klatschen mehr, nur das eigene Schulterklopfen der anderen. Der Tanz ist zum Marsch geworden. Das Duett zum Solo. Der Bach zum reißenden Fluss. Einfach aufstehen, rausgehen und mitreißen lassen. Du triffst auf Steine. Es tut weh. Mal mehr, mal weniger. Du kannst nicht anhalten. Du hast dich reingesetzt, in den Strom. Wirst elektrisiert vom Wasser. Manchmal motiviert es dich, es fühlt sich gut an. Ein kleiner Schlag, du bist noch da. Du fühlst. Denn meistens bist du gelähmt, steigst temporär aus. Du realisierst nichts, weil du nichts erkennen kannst. Der Fokus deiner Augen ist verloren. Der Mittelpunkt deines Körpers liegt im Damals. Und wenn du eine Sekunde verlierst und beginnst nachzudenken, schmeißt dir jemand ohne Gesicht einen Ball zu, und noch einen, und noch einen. Du bist keine Seiltänzerin mehr, du bist Jongleur. Ein Jongleur mit Medizinbällen. Nackte Hände auf kalten schwerem Leder. Du wünschtest, zu wissen, wohin du sollst.

Vielleicht ist es Mut, vielleicht Erschöpfung. Aber irgendwann fällt der erste Ball. Ein dumpfer Befreiungsschlag, dem weitere folgen. Du machst die Augen zu, hörst dein Herz. Ein Ball fällt, dein Herz schlägt. Ein Rhythmus, der sich gut anfühlt, lebendig, wach. Als würde dein Gesicht auf frisches Wasser treffen. Einmal untertauchen. Luft anhalten um wieder atmen zu können. Augen auf, um zu entdecken, dass du dir die Bälle zugeworfen hast, es deine Entscheidung war, dich mitreißen zu lassen und jetzt leicht sein, weil der Ballast davon gespült wurde. Und einfach …

… den Sonnenstrahlen folgen, weil du weißt wohin du nicht willst.

 

Post from: 03.08.2014
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