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Ja, eine echte.

Ich kam durch die Tür. Es roch nach Kippen, gemischt mit Schweiß, der nur aus männlichen Drüsen entfleuchen kann. Es klang nach “The xx” im Hintergrund und Pseudointellektuellen-Gelabbere im Vordergrund. Ich stolperte über leere Clubmateflaschen beim Jutebeutelzählen. Es waren unfassbar viele Beutel. Also ich meine. Wirklich viele.
Natürlich kannte ich keinen. Aber so ist das hier. Manchmal auch dort. Das passiert einfach. “Freundin des Freundes der Cousine von Lea, die hat eine Mutter (ach, nee), die arbeitet bei so ‘nem Dings und da arbeitet meine Schwester und die hat wiederum von ihrem Freund (also nicht richtig Freund, nur FreundFreund) gehört, dass sein ehemaliger Mitbewohner, der in einer Band spielt (natürlich), seine Einweihung feiert und ich dachte du hättest Lust drauf.” Klar. Wo ist das denn? “Friedrichshain.” Klar. Lass mich raten, gleich in der Nähe vom Boxi? “Ja, woher..ach sei nicht so zynisch. Du musst nicht mitkommen.” Doch doch. Wettest du mit mir vorher wie viele dort “was mit Medien”-machen?! Ich kriegte nur DEN Blick – den sie mir auch rüberwarf, als ihr auffiel, dass ich die Beutel zählte. Mit Finger.
Klassisches Prozedere: Nett lächelnd sich Richtung Küche bewegen. Die Alibiflasche schlechten Weißweins in der linken und die obligatorische Schachtel Nil in der rechten Hand. Wein abstellen, Bier holen. “Suchend” nach einem Flaschenöffner Gesprächsthemen von Hintergrundgeräuschen trennen und herausfinden wo man jetzt die nächsten 20 Minuten mit philosophieren möchte. Ich entscheide mich für die in schwarz gekleidete “Anscheintheatertante” (weil richtig große Kette), die sich mit den roten Lippen der blonden Version Mireille Mathieus angeregt unterhält. Ich bin drin. Der Feuerzeugtrick. Oldschool, aber klappt immer.
Nach nicht mal vollen 37 Sekunden kommt er. Der Satz. Der Satz, den ich in den letzten Monaten zu oft gehört habe. Mein geheucheltes Interesse schwindet.

Ja, ich bin in Berlin geboren. Ja, so richtig. “So ‘ne echte Berlinerin?!” Ja, eine echte. Ich fühle mich wie ein Tier im Zoo. Ja, im Berliner Zoo. Es geht noch weiter. Theatertante zieht – der Körpersprache zu urteilen – ihren zweiten Lover, T’schuldigung “Friend with Benefits” am Arm zu uns rüber mit der Mimik “Wow, guck mal, ‘ne Berlinerin” und exakt diesen Wörtern flüsternd in sein Ohr. Die denken wohl Berliner können nicht hören. Ich kann hören. Jetzt gerade wünsche ich mir.. lalalalalalalalalalala..der Typ im grauen V-Ausschnitt-Hemd, bei dem drei Härchen (gratuliere) rauswedeln, setzt an zum -“Ja, eine echte. Hier geboren und so.” Wenigstens blieb die Frage erspart. eins zu null für die Berlinerin.
“Und hast du auch ‘n Blog?” Klar, weil alle Berliner einen Blog haben. Ich hab ein Blog. Okay, eins eins.

“Ich steh’ ja total auf Blogs.-Hast du ‘ne Karte?” Karte? Ich stoppte mein Grinsen mit einem kurzen Nachdenken über Businesskarten. Brauch’ man sowas? Brauch’ ich sowas? Dann druck’ ich Tausende und verteile vier. Ja, alle an meine Familie. Und vielleicht eine an jede Theatertante auf WG-Parties. Meine Gedanken werden gestört von der automatischen Armbewegung meiner rechten Hand, die mich mit Bier erlösen will. In solchen Momenten liebe ich meinen Körper.
Ich belohne mich mit konstanten doch überlegten Schlucken Alkohols während die Zuschauer um mich sich gegenseitig erzählen, wie toll Berlin doch ist und das es keine andere Stadt gibt, in der man sich so entfalten kann und blablablabla…
Hier vielleicht mal ein kleiner Hinweis. Ja, Berlin ist toll. Nicht nur weil es meine Heimat ist, sondern weil es wirklich ein tolle Stadt ist. Aber Berliner (echte) müssen dies nicht die ganze Zeit erwähnen. Daran könnt ihr den gemeinen Berliner erkennen. Und ihn bitte erlösen von der unendlich nervenden Frage, ob er denn wirklich hier geboren sei, nach dem er bereits erzählt hat, dass er es ist. Danke.

Post from: 19.08.2011
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kommentare

  1. Aller erste Sahne! Wirklich ein Hochgenuss!
    Würde ich Bier mögen, wäre jetzt eine Flasche fällig.
    Jetzt kann ich mit einem Lächeln zur Arbeit fahren… In meinen original Berliner Radiosender!

    Hauste, Keule!

  2. Am besten wird’s ja immer dann, wenn noch nachgehakt wird, aus welchem Bezirk man komme. Unabhängig von der Antwort folgt darauf dann meist die alte klischeehafte Leier, wie es denn dort sei und man höre ja immer und überhaupt seien ja die echten Kids von dort viel ernstzunehmendere Berliner als all die anderen. Ahja.

  3. Schön! Und echt auf den Punkt getroffen…mir geht das auch riesen aufn Sack. Besonders wenn mir Zugezogene erstmal meine Stadt erklären wollen und mir erzählen wollen warum Kreuzberg viel mehr In ist als Friedrichshain oder Prenzlberg. Zum aus der Haut fahren! Und dann die ganzen Hipster- Assis die alle aussehen wie verkleidet… Ich empfehle Dir nicht mehr auf solche Parties zu gehen. 🙂 Drück da…