life0 comments

Hochsprung

spreewittchen-hochsprung-titel

Ich war nie ein Ass im Sport. Keine Kanone, eher so ein Geschoss, das ganz leise PUFF macht. Und wenn der Wind zu laut wehte, hörte man nicht einmal das. Stufenbarren, Pferd, Bock – meine Äquivalente zu Hölle, Hass und Horror. Das war mir alles zu laut und wuchtig. Schon allein der Knall beim Bockspringen, wenn dein Körper auf das Sprungbrett stolpert. Meine Schultern hätten gezuckt, hätten sie Zeit gehabt. Dann das Klatschen deiner Hände auf das kalte Leder des starren stelzigen Etwas. Gefolgt vom Idealfall des stumpfen Abschlusses, der klingt wie ein einmaliger stiller Trotzanfall eines Kindes. Knallen, klatschen, stampfen. Nicht mein Ding.

Bis die dicke Matte in die Mitte der Turnhalle gehievt wurde. Spätestens der Zeitpunkt an dem sich kleine dicke Perlen des Schweißes auf meiner Stirn bildeten. Metallklirren verteilt sich in der Halle wie ein Bergecho. Mein Herzklopfen schwingt im gleichen Intervall mit. Hochsprung. Überhaupt nicht mein Ding.

Wir fangen leicht an, sagen sie. Die Stange geht mir bis zum Hals, da wo jetzt auch der Kloß steckt. Entscheidung einer Seite. Es ist die deines Sprungfußes. Mit welchem Fuß springe ich ab? Ich bin mir nicht sicher und gehe auf Nummer sicher. Rechts. Klingt doch erstmal gut. Machen die meisten. Einfach anlaufen, sagen sie. Ich vermisse das Sprungbrett. Der Boden wird Wackelpudding – oder sind es doch meine Beine? Ich bin aufgeregt und das nicht in einem guten Sinne. Im schlechten Sinne, im ganz üblen Sinne. Ich habe das Gefühl, das Laufen verlernt zu haben. Einen Fuß vor den anderen setzen. Aber was ist, wenn ich nicht weiß wohin, dem Fuß nicht sagen kann, wo er sich setzen soll, wenn er den anderen nicht sieht, weil alles so schnell geht. Ich bestimme doch wo sie hingehen sollen, meine Füße. Und wenn ich ihnen etwas Falsches sage, dann verhaspeln sie sich und wir stolpern, fallen hin. Und die anderen schauen dabei zu. Können aber gar nicht helfen, weil sie als nächster dran sind. Dann liegen wir da, meine verhaspelten Füße und ich und werden überholt. Überholt von denen, die wissen wie sie laufen müssen auf diesem Wackelpudding…

Okay, sagen wir, wir bekommen das hin. Ein Fuß vor den anderen. Super machst du das. Einfach so wie der vor dir, sagen sie. Dann kommst du zur Stange, die wirkt wie eine Mauer. Die dünnste dickste Mauer der Welt. Genau in diesem Moment sollst du einfach drüber hopsen. So wie der vor dir. Du spürst noch seinen Rückenwind als Gegenwind. Er weht laut. Dein PUFF verstummt. Für das bis hierher Kommen applaudiert dir keiner mehr. Du hast noch nichts erreicht. Du kopierst. Mit dem Kopf zuerst. Das konntest du noch nie. Du sehnst dich nach der dicken Matte. Da willst du hin. Zur Sicherheit. Aber was ist wenn ich da bin, da liege und ich habe es nicht geschafft. Liegst du einmal da, kannst du nichts mehr entscheiden, nichts verändern. Du versackst, mit der Stange unterm Arsch. Der andere war besser. Er sprang, stand und ging. Lautlos und schnell. Und du? Bei dir hat es geknallt, geklatscht und dumpf geendet.

Aber weißt du was? Du weißt es noch nicht. Du bist noch nicht gesprungen. Du liegst noch nicht da, stehst dann vielleicht. Und wenn die Stange mit dir fliegt, dann ist es so. Dann hat es geknallt, geklatscht und dumpf geendet.

Aber vielleicht warst du dann auch nur am falschen Gerät…

Post from: 09.04.2015
Tags: , , , , ,

Comments are closed.