life0 comments

Echo

spreewittchen-echo-titelDu stehst auf einem Berg. Endlich. Du wolltest auf den dort drüben, aber der hier ist auch ok. Ziemlich sogar. Du bist hier. Du wolltest in diese Richtung. Denn die ist richtig. Für dich. Jetzt stehst du da oben. Atmest durch. Ein. Aus. Nur kurz. Und erinnerst dich an die Reise.
Die Reise war hart. Manchmal weich. Auf jeden Fall lang. Du denkst alles hat sich gelohnt. Hier zu stehen, hier – nicht da unten, wo du angefangen hast. Genau hier. Schmutz im Gesicht, Blasen an den Füßen, Schweiß auf dem Rücken. Der Schmerz fühlt sich gut an. Er ist dein Schmerz. Du besitzt ihn. Für eine Sekunde bist du stolz. Stolz darauf die Euphorie kontrollieren zu können. Du versuchst sie dir einzuteilen, kleine Portionen. Denn du weißt wie schnell sie weg ist. Nicht aufgebraucht von dir, sondern gestohlen vom Echo.

Denn du stehst nicht zum ersten Mal hier oben. Du spürst nicht zum ersten Mal den Schweiß, den Schmerz, das Glück. Du bist nicht zum ersten Mal stolz. Du hättest nie gedacht, dass das erste Mal zu tausenden Malen wird. Du bist schuld. Das weißt du erst jetzt.
Du hast nicht mit dem Echo gerechnet.

Wie einfältig und egozentrisch. Wie ein euphorisierter Gorilla standest du brüllend auf dem Berg und trommeltest auf deiner Brust rum. Voller Erwartung, dass dir alle Beifall klatschen. Nichts konnte dich erschlagen. Bis das Echo kam. Es hat dich umgehauen. Umgeknickt wie ein kleinen Ast am Baum. Der Sturm hat dich wieder zurückgeworfen, auf den Boden geholt. Tatsache.

Das Ego trieb dich wieder hoch, die Neugier vielleicht auch. Viele Male. Erst jetzt hast du begriffen. Du darfst nicht die Brust benutzen. Du musst zuhören. Das Echo klingt nicht wie du. Manchmal ähnelt es sich. Meistens ist es anders. Immer mächtig.

Doch diesmal bist du vorbereitet, diesmal bleibst du stehen. Du hast es verstanden: das Echo wirft dich nur um, wenn du dagegen hältst. Ursache.

Post from: 29.06.2015
Tags: , , , ,

Comments are closed.