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Der Single unter den Pärchen

“F. ist schwanger.” – “…und H. heiratet am 11.11.11. Natürlich.” Natürlich. Komisch, warum bin ich erstaunt über solche Sätze, die in diesem Jahr über mich einbrechen wie eine Lawine. Es ist natürlich. Mitt-End-Zwanziger-Leben. Warum denn auch nicht? Mal abgesehen von den biologischen Supervoraussetzungen – gebärfähiges Alter und sowas..- ist man schließlich mit 26 eine (semi-)gefestigte Persönlichkeit, mit (fast immer) eigener Meinung. Ein Charakter, der (meistens) weiß, was er will. Vielleicht noch Student, vielleicht schon Praktikant oder seit fünf Jahren mit beiden Beinen an den Bürostuhl gebunden. Mehr oder weniger glücklich. Mehr oder weniger erfolgreich. Aber immer mit dem “Richtigen” an der Seite. Ebenfalls seit fünf Jahren.
Er ist mein Bürostuhl, aber mit ergonomischer Arm- und der Wirbelsäule schonenden Rückenlehne. Er stützt mich. Wir passen zusammen. Ich fühl mich wohl. Er gibt mir Sicherheit. Ich kann mich fallen lassen. Ich kann mich anlehnen. Alles ist gut.
Warum muss man dann die Handschellen um sich und den Bürostuhl legen? Als Zeichen der Liebe? Weil es die nächste Stufe auf der “so-muss-man-leben-lieben-und-leiden”-Treppe ist? Leute… ich seh’ schon den Volvo im Vorgarten parken und den Golden Retriever pissen…
Unsere Generation löst sich mit aller Gewalt von Traditionen. Hält an dieser – “dem heiligen Bund” – aber so stark fest, dass ich fast brechen muss. Ich rede nicht von den fest-dahinter-stehenden-es-ist-mein-Glaube-Hochzeiten. Das ist ein anderes Thema. Ich rede von den “wir-sind-zwei-Jahre-zusammen-super-glücklich-haben-zwar-noch-keine-24-h-unterhalb-der-Woche-miteinander-verbracht-aber-klar-das-restliche-Leben-teilen-kann-ja-nicht-so-schwer-sein”-Hochzeiten. Und die “ich-will-eine-junge-Mutter-sein-unsere-Beziehung-läuft-zwar-nur-aus-Gewohnheit-weiter-aber-hey-ein-Kind-das-verbindet-uns”-Schwangerschaften. Vermutlich klinge ich mit 25 wie eine miserabel geschminkte Midlife-Crisis-Mutti, die gerade dabei ist ihren “dritten” Frühling mit dem Nachhilfelehrer ihrer 16jährigen Tochter zu erleben und euch mit Ratschlägen wie “Ihr-seid-jung-genießt-das-Leben-legt-euch-nicht-so-früh-fest-sonst-bereut-ihr-es” das Leben erklären will.
Nein das bin ich nicht, aber wir sind jung. Wir brauchen keinen detailierten Plan über unser zukünftiges Leben mit einem Bild von unserem Partner in den wir den jetzigen pressen. So etwas ist falsch und unfair. Und generell extrem anstrengend. Findet ihr nicht?
Vielleicht liegt mein Zynismus an den Erfahrungen, die ich in meinem Umfeld erlebe. Generationsunabhängig und zeitspezifisch: Scheidungen. Affären. Betrug. Ich hätte vermutlich Stoff für 3 Staffeln von “Wie lebe ich heute richtig”. Genau das ist es. Die ständige Frage “Lebe ich jetzt gerade das richtige Leben?”. Darum geht es, oder?
Momentan kommt es mir so vor als gäbe es nur zwei Lebensstile: entweder die junge Generation, die vielleicht romantisch veranlagt oder ängstlich depressiv handelt und deswegen heiratet. Oder die Generation danach, die noch aus Tradition, vielleicht sogar am Anfang aus Liebe geheiratet hat und nun feststellt, dass ein Verlangen nach mehr Freiheiten unaufhörlich stärker wächst und Affären und/oder Scheidungen provozieren…
Aber was sind das denn für Freiheiten? Es ist ein bisschen wie ein Singleweh. Keine Verantwortungen. Tun und lassen was man will. Ohne Rücksicht, ohne Bescheid geben, ohne Verpflichtung. Wörter, die gestrichen werden sollen. Aus dem Kopf und dem Leben. So stellt ihr euch das vor?
Das klingt nach 14jährigen-Gelaber. Und sind wir mal ehrlich 14 will keiner mehr sein.
Freiheiten. Dieses Wort. Ich liebe Freiheiten. Ihr solltet euch auch eure nehmen und geben – ob Single oder Paar. Zusammen Freiheiten nehmen, kann schön sein. Gemeinsam seine eigenen Freiheiten haben, ist großartig. Freiheiten realistisch definieren. Für sich. Für den anderen. Was auch immer das heißen mag.
Eingesperrt sein möchte keiner. Aber sperrt man sich vielleicht nicht manchmal selber ein? Wenn alles gut läuft, dann lass es laufen. Wenn nicht, rede drüber. Ich weiß gar nicht mehr, wann es so schwierig geworden ist, zu reden. Einfach sagen, was man denkt, was man will oder nicht will. Da nimmt man sich auf einmal nicht mehr die Freiheit. Die Freiheit einfach zu äußern, was man will. Man sehnt sich nach Single-Vorzügen in einer Beziehung, nutzt aber nicht die, die legitim sind. Es könnte Konsequenzen geben. Unbequeme. Die passen nicht mehr zwischen mir und dem Bürostuhl. Ich sitze doch gerade so gut. Ich will jetzt nicht aufstehen und schauen was drückt…Es wird weggehen. Wenn ich mich nur gut genug ablenke…geht es nicht weg, es ist nur ein Verarschen seiner selbst. Und des Bürostuhls…Und das hat nichts mit Freiheiten nehmen zu tun.
Denn eine Affäre ist keine Freiheit. Ein Kind keine Lösung und eine Hochzeit keine Garantie.

Das ist kein weiser Spruch. That’s life.

Post from: 08.07.2011
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